Die Geschichte des Jiu-Jitsu

Jiu Jitsu (jap. 柔術 jutsu) ist eine Kampfkunst, mit der Angriffe (mit oder ohne Waffen) waffenlos und unter Ausnutzung von Hebel-, Wurf-, Schlag- und Trittechniken abgewehrt werden können.

 

Siegen durch Nachgeben

Zwei alte Legenden überliefern dieses Ur-Prinzip des Jiu Jitsu:

In der ersten beobachtet der Chinesenjunge Li-tei-feng bei einem großen Sturm voller Entsetzen, wie die dicksten Bäume entwurzelt und die stärksten Äste geknickt werden. Nur ein kleines Bäumchen wird verschont, es biegt seinen Wipfel bescheiden bis hinunter zur Erde, aber als der Sturm nachläßt, richtet es sich wieder auf und steht unbeschädigt da wie zuvor.

 

In der zweiten Legende wird von einem Weidenbaum und einem Kirschbaum im Winter berichtet. Unter der Last des Schnees brechen die Äste des Kirschbaumes wie Streichhölzer, die Weide aber gibt biegsam nach, läßt den Schnee abrutschen und bietet ihm somit keine Angriffsfläche.

Heute vermutet man den Ursprung der meisten asiatischen Budokünste in der alten indischen Massagekunst, in der schon 2000 v. Chr. Über 100 schmerz- und lebensempfindliche Punkte am menschlichen Körper bekannt waren. Diese „Atemi Punkte“ waren Mönche und Ärzte von großer Bedeutung, um Akupunktur und Akupressur anwenden zu können. Weiters vermutet man, dass im 10. Jahrhundert die Ursprungsform des Jiu Jitsu im Zuge eines Kulturaustausches als „Kempo“ von China nach Japan kam.

 

Vom Sumo über Jawara …
Sicher ist, dass es in Japan schon lange vorher Formen der unbewaffneten Selbstverteidigung gab, welche auf dem japanischen Sumo basieren. Im 12. Jahrhundert entwickelte ein japanischer General die Schule des „Handkampfes“.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich viele verschiedene Namen wie „Jawara“ (der Weg des Bogens und des Pferdes)

Yawara ist eine der ältesten japanischen Jiu Jitsu-Formen, welches ausschließlich von den Samurai, der Ritterklasse, waffenlos und in Rüstung ausgeübt wurde und schon vor dem Jahr 1650 bekannt war. In diesem Jahr kam der Chinese Chin-Gempin nach Japan und lehrte dort sein Jiu Jitsu. Die Adelsfamilien erkannten schnell den Wert, den diese Kampfkunst für sie selbst und ihre Gefolgsleute darstellte. Aber auch die Samurai machten sich Gempins Jiu Jitsu zu eigen, perfektionierten es und nahmen es in ihren Ehrenkodex, dem „Bushido“ auf.

Das Zurückweichen vor dem Gegner wurde zu damaliger Zeit als Ausdruck von Angst und Feigheit verpönt, als Grundprinzip des Jiu Jitsu aber nutzten es die Samurai, um ihre Gegner zu unvorsichtigen und leichtfertigen Kämpfen zu verleiten und sie dann leicht zu überwinden.

Aber auch die „Ninja“ (hochspezialisierte Einzelkämpfer), die „Wako“ (Piraten) und die Komoso (ritterlich Bettelmönche) waren neben den Samurai an der Entwicklung des Jiu Jitsu beteiligt.

Jiu Jitsu wurde in der Folgezeit in verschiedenen Stilrichtungen wie Toride, Komiuchi, Thai-jitsu, Wa-jitsu, Aiki-jitsu und Kito-ryu-jiu-jitsu in ganz Japan ausgeübt.

 

… bis zum heutigen Jiu-Jitsu

Mit der Öffnung Japans, das 1600 – 1853 von der umgebenden Welt so gut wie abgeschlossen war, setzte eine gewisse Verachtung der eigenen Kultur ein: alles Fremde wurde nun verherrlicht und somit geriet auch die alte Kampfkunst Jiu Jitsu beinahe in Vergessenheit.

Erst, als im Jahre 1877 der deutsche Medizin-Professor Dr. Erwin Bälz, der an der kaiserlichen Universität in Tokio zwischen 1876 und 1905 lehrte, den Jiu Jitsu Altmeister Totsuka, bei Vorführungen gesehen hatte, wurde die Kampfkunst wieder in Erinnerung gebracht. Bälz war von den Vorführungen so angetan, dass er Jiu Jitsu als „Gymnastik“ für seine Studenten an der Universität einführte. Der junge Student Jigoro Kano (1860-1939) übte es mit Begeisterung, und suchte weitere alte Meister auf und studierte viele Stilrichtungen.

Auf diese Weise wurde Kano von Fukudo Hoachinosuke, dem Kampfmeister am Kaiserlichen Institut für Kriegskünste in die Geheimnisse des Ten-Shin-Shinyo-Systems eingeweiht, in dem bevorzugt Schläge und Stöße mit Händen und Tritte und Stöße mit den Füßen, sowie Verhebelungen der gegnerischen Glieder gelehrt wurden. Später lernte er durch den berühmten Meister Jikubo Kohei auch das Kito-ryu-jiu-jitsu (= Kunst, oder Fertigkeit durch sanftes Ausweichen und Nachgeben, dem Gegner das Gleichgewicht zu brechen, um ihn auszuheben und dann niederzuwerfen) kennen. Das Kito-ryu-jiu-jitsu war um 1640 von Terada entwickelt worden, der auch das, dem Karate verwandte, Kempo gefördert hatte.
Schließlich fügte Kano die unterschiedlichen Systeme der Selbstverteidigung zu einer eigenen Stilrichtung, dem Kano-Jitsu, zusammen, welches er als Lehrprogramm und als Sportart an den Hochschulen einführte.

Aus dem Kano-Jitsu entwickelte er in den Folgejahren unter Ausschluß der gefährlichen Techniken die weltbekannte sanfte Sportart Jiu Do (heute Judo). Schon 1882 gründete Jigoro Kano seine eigene Schule, das Kodokan.

1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Kampfstile aus dem Nahen Osten – Knochenmarkspenderverein.de am 12. November 2018 um 9:36

    […] und erfolgreiche Ringkämpfer Imrich Lichtenfeld diesen Selbstverteidigungsstil, der Techniken des Jiu-Jitsu nutzt, um hier jüdische Jugendliche vor antisemitischen Angriffen zu schützen. Nach der […]